Jakob Ossner

Von Katzen und Mäusen

Jeremy Rifkin mag mit seinem 1997 diagnostizierten Ende der Arbeit falsch liegen, aber an dem Sachverhalt, dass die Arbeit, wie sie Marx sah und auch heute noch Arbeitgeber wie Gewerkschaften sehen wollen, am Ende ist, besteht kein Zweifel. Schon lange mag man keine Arbeit mehr entdecken, die sich als Kulturleistung Welt aneignet oder der Selbstverwirklichung dient. Man sieht, sie dient nur dem Subunternehmer eines Subunternehmers und schafft Produkte, die die Weltmeere verwüsten, das Klima schädigt oder die Artenvielfalt mindert. Da bleibt nur, von der vita activa Abschied zu nehmen und sich auf eine vita passiva einzustellen.

DAS OPFER

Was Passiv ist, habe ich in der katholischen Knabenvolksschule meines Heimatdorfes gelernt. Der Lehrer, ein gestrenger Herr, schrieb unter eine schön gezeichnete Katze, eine Tafelzeichnung, wie sie damals üblich war und die er tags zuvor bereits angefertigt hatte: Die Katze frisst die Maus. Unter einer nicht minder schön gezeichneten Maus fand sich der Satz: Die Maus wird von der Katze gefressen. Wir hatten schnell erarbeitet, dass die Katze etwas tut und die Maus etwas erleidet und wenn das eine die Tätigkeitsform ist, das andere die Leideform sein muss. Wenn die Maus zum Subjekt wird, ist es bereits aus mit ihr. Jedes Vorgangspassiv erfüllt sich im Zustandspassiv: Die Maus wird gefressen – Die Maus ist gefressen. Die Maus ist immer Objekt – die einen fressen, die andern werden gefressen ‒ das Leben eben. Damals lernte man noch, dass man, wenn man Maus ist, dies geduldig ertragen solle. Wir alle aber wussten schon, dass es im Leben besser ist, die Katze zu sein, auch wenn dies moralisch zweifelhaft sein möge. Aufgeklärt und moralisch sensibel will niemand zu den Fressern gehören, aber eben auch nicht zu den Gefressenen – das lehrt der Überlebenstrieb, die Evolution, der Blick in die Natur, die zu unterwerfen uns doch aufgetragen ist. Oder haben wir da etwas gründlich missverstanden? Wir feierten uns als Täter, entdecken uns nun als Opfer unserer eigenen Taten. Wir dünkten uns doch eben noch als Macher der Welt, als großartige Tatmenschen, als die wahren Subjekte der Geschichte und entdecken uns nun als Opfer unserer selbst. Das scheint unser Schicksal.