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Jakob Ossner

Idiotopie

DER GLAUBE

Gegenüber der Welt des Wissens, deren Verheißungen uns die Aufklärung bescherte und die uns technologisch zu ungeahnten Höhen katapultierte und weiter katapultieren wird, erscheint die Welt des Glaubens, des Dafürhaltens, des Meinens hoffnungslos rückständig. Tatsächlich aber hat die Welt des Wissens als Triebfeder einen starken Glauben, z.B. den an ein immerwährendes Wachstum. Das Modell ist das, dass Wissen durch Falsifikation stets vorwärts schreite. Das ist quantitativ unbestreitbar, aber immer häufiger taucht die Frage auf, ob hier qualitativ zu halten ist, was quantitativ einsichtig ist. Der Glaube an den steten Fortschritt durch Wissenschaft ist brüchig geworden, nicht nur, weil die Verhältnisse zwar stets anders, aber schwer zu sagen ist, ob sie besser werden. Hatte sich nicht auch der historische Materialismus und nicht minder der Nationalsozialismus auf wissenschaftliche Erkenntnis berufen? Neuerdings kommt hinzu, dass die lautesten Verkünder des Fortschritts für ihre schrillsten Invektiven die Wissenschaft nicht mehr nötig haben. Ihnen reicht ihr Ich. Sie haben durchschaut, dass Fortschritt keine objektive Größe ist, sondern eine der glaubensstarken Verkündigung. Was dem einen erstrebenswert erscheint, jagt dem andern Angst ein. Für die Wissenschaft sind Hypothesen basal, für den Glauben die Fiktion, die auch die Wissenschaft kennt. Aber beim Glauben ist sie verbunden mit Emotion und Gefühl sowie den damit verbundenen Geschichten. Hypothesen sind rechtfertigbare Behauptungen, aber eben keine Tatsachen, die als evident gelten, was sie letztlich banal macht. Man kann mathematische Sachverhalte zu den Tatsachen rechnen. Deiktische Ausdrücke ebenso, etwa, dass heute Freitag ist – zumindest an dem Raum-Zeit-Punkt, zu dem ich dieses äußere – oder dass in meinem Garten eine Buche steht. Zu Tatsachen werden diese Wendungen aber nur, weil die Äußerungen an einem geeigneten Raum-Zeit-Punkt fallen, an einem anderen sind es – und zwar gemeinhin – leicht zu falsifizierende Behauptungen. Für Hypothesen können Gründe vorgebracht werden, aber eben auch Gegengründe. Hypothesen können zu Tatsachen aufsteigen. Dass die Erde keine Scheibe sei, war zuerst nur eine Hypothese, die heute als Tatsache anerkannt wird und durch den Augenschein von außerhalb bestätigt wird. Was für eine Tatsache gehalten wird, also außerhalb jeden Zweifels steht, kann zu Hypothesen absteigen, ja zur Fiktion werden.
„Im 7. Jahrhundert v. Chr. hielten die Griechen die Erzählungen Homers für wahr, im 16. Jahrhundert hielt ein gebildeter Europäer sie für fiktiv., die Erzählungen der Bibel jedoch für wahr, im 19. Jahrhundert hielt ein kritischer Intellektueller diese jedoch für fiktiv.“ (Heinz Schlaffer: Poesie und Wissen, S. 144 f.)
Für viele Menschen war die Evolution eine Tatsache, aber für immer mehr Evangelikale ist sie eine schlechte These. Bei den eben angeführten deiktischen Beispielen wird der Standpunkt durch die Deixis festgelegt: heute, in meinem Garten. Dagegen ist bei den eben diskutierten Beispielen, der Standpunkt einer Aussage erst zu formulieren. Innerhalb eines fundamentalen, evangelikalen Gedankengebäudes kann es keine Evolution vom Affen zum Menschen gegeben haben. Das hat bedauerliche Folgen: Auch Tatsachen sind relativ, weil keine Evidenz für sich alleine steht. Selbst die mathematischen Sätze fußen auf Axiomen, an denen zu zweifeln wir bislang keinen Grund hatten. Aber die Axiome selbst können wir nicht beweisen, sie be-weisen sich indirekt, weil alle Aussagen, die auf ihnen fußen, sich bewährt haben – bis jetzt!