Jakob Ossner

Das bessere Argument

Zweifellos ist es besser, miteinander zu reden, als aufeinander einzuschlagen. Das gebietet die Vernunft, so Richard Rorty, die, „sofern [der Begriff Vernunft] überhaupt etwas bedeutet, die Möglichkeit sprechender Subjekte ist, einander zu überzeugen statt Gewalt anzuwenden.” Wer diesem Gedanken folgt, unterstellt, dass es Streit zwischen Menschen gibt, dass er geradezu unausweichlich ist, der dann durch den Austausch von Argumenten anstelle von Fäusten gelöst wird. Die Argumentation ist dann eine Arznei gegen das grundsätzlich schlechte Wesen des Menschen, den ständigen Krieg aller gegen alle – eine Arznei in Form eines großen Erziehungsprogramms, denn Vernunft ist nur ein Vermögen, in das man hineinsozialisiert wird, indem man aus der Unvernunft, die nur der eigenen Egozentrik frönt, herausgeführt (educare) wird in das Reich der Vernunft. Auch wer hier nicht gleich das Wesen des Menschen bemühen möchte, an der Allgegenwart des Streits besteht kein Zweifel, nicht zuletzt, weil Menschen verschiedene Interessen verfolgen. Das Miteinander wechselseitiger Rede erscheint da als deeskalierende Maßnahme. Allerdings würde dann die Gedankenfigur der Überzeugung als Ziel der Argumentation hinfällig, wenn schon von Anfang an feststünde, dass es nur darum gehe, den Andern davon zu überzeugen, dass er mir meine Überzeugung lässt. Zudem hat es ein Erziehungsprogramm nicht leicht, das zu kassieren empfiehlt, was andernorts versprochen wird. Zuerst dürfen sich alle selbstverwirklichen und ihre Interessen formulieren, dann sollen sie diese wieder aufgeben, weil sie überzeugt wurden, dass es noch bessere gibt. Überzeugungen aber sind schwer zu überzeugen.