Joachim Vahland

VOM BANKROTT OBJEKTIVER ERKENNTNIS

ÜBER VORSTELLUNGEN UND MEINUNGEN

Die dem Internet verdankten und mit euphemistischer Einseitigkeit als soziale Medien verbuchten virtuellen Marktplätze haben der Meinung zum womöglich endgültigen Durchbruch verholfen. Und da deren Freiheit nicht allein hohe Wertschätzung erfährt, sondern geradezu als essenzieller Ausweis demokratischer Verhältnisse in Ansehen steht, wird ihre massenhafte Produktion von allgemeinem Wohlwollen begleitet – jedenfalls solange von dieser Freiheit auf angemessene Weise Gebrauch gemacht wird. Man merkt nun schnell, dass da vielleicht schon der Hase im Pfeffer liegt, zumal die Meinung zunächst nicht mehr als das mir allein Eignende, also das Meinige verkörpert, von dem man deshalb bestenfalls den Seinigen Kenntnis gibt, das man eigentlich aber für sich behalten sollte, da das Private sich dadurch auszeichnet, dass es niemand anderen zu interessieren hat – bzw. hätte, denn die Freiheit, seine Meinung auch publik machen zu dürfen, befördert ein regelmäßig sich erneuerndes Mitteilungsbedürfnis dieses Eigenen, also von Meinungen, die dabei eine aufschlussreiche Veränderung ihres Selbstverständnisses dahingehend erfahren, dass ein jeder seine Meinung wenn nicht gleich als Ausdruck eines Allgemeinen, so doch eines mehr als bloß Beliebigen versteht. Zudem gilt der öffentlich ausgetragene Streit der Meinungen, die Teilhabe möglichst vieler Bürger am politischen Diskurs als Ausweis lebendiger Demokratie. Und jeder Beobachter öffentlicher Diskurse wie erst recht deren Teilnehmer macht die Erfahrung, dass es keine Meinung gibt, die nichts als Meinung zu sein beansprucht, dass vielmehr jeder Meinung die natürliche Tendenz eignet, über sich hinauszuwachsen, sich in ihrem Geltungsanspruch zu transzendieren – was unweigerlich zu Kollisionen mit den Ansprüchen wahren Wissens führen muss.
Wie dem auch sei, mittels Internet ist durch den technisch bedingten Wegfall aller Autoritätsfilter mit zensierender Wirkung heute jeder in der Lage, seine Meinung anonym, d. h., ohne für sie einstehen zu müssen, in die Welt hinauszuposaunen. Die damit einhergehende, endlich erreichte Gleichheit aller Diskutanten führt ersichtlich zu einem Umschlag von Qualität in Quantität, wie er sich z. B. im Shitstorm, der seinem Namen alle Ehre macht, niederschlägt, wobei die investierte Empörungsmasse die Frage nach der Berechtigung des Ru¬mors hoffnungslos naiv erscheinen lässt. Der Zerfall der Öffentlichkeit in sich um beliebige Meinungen scharende Ad-hoc-Crowds – den einen ist die Erde eine Scheibe, anderen die Mondlandung eine Hollywood-Inszenierung, Kapitalisten werden an die Laternen, demokratisch gewähltes Führungspersonal in den Knast gewünscht etc. pp. – lässt den Glauben an die Verwirklichung der Vernunft auf Erden allein deshalb als irrationale Hoffnung erscheinen, weil die Vernunft bei solchen Gelegenheiten nur als parteiische in Erscheinung treten kann. Der Grundsatz ‚Mehrheit ist Mehrheit‘ besagt im Kern nichts anderes, als dass man Quantität über Qualität entscheiden lässt. Da aber niemand das Wohlergehen eines demokratischen Gemeinwesens der konsequenten Verwirklichung dieses Grundsatzes anvertrauen möchte, gibt es institutionelle Sicherungen, die man als Ausdruck erfahrungsgestützten Misstrauens in die allgemeine Urteilsfähigkeit verstehen kann. Ob man hier zur Illustration den Flaschengeist oder die Büchse der Pandora bemüht, wirkt angesichts der keineswegs virtuellen, sondern sehr konkreten Wirkungen dieses Mediums bildungsbürgerlich bemüht, also irgendwie kleinkariert.