Joachim Vahland

Arbeit am Begriff
Unterwegs nach Irgendwo

In der Oberstufe bekamen wir einen neuen Deutschlehrer und ein neues Lesebuch. Der Strom löste die über Jahre vertraut gewordenen blassblauen Klett-Bände ab. Ein erstes Durchblättern ergab das Übli-che: Text folgte auf Text, dazwischen wie gehabt einige Kunstdrucke, die je nach Motiv flüchtiges Interesse weckten. Allerdings wussten wir, dass Der Strom das Deutschbuch am Humanistischen Gymnasium war, und als der Neue die Anschaffung mit dem höheren Niveau des Lehrwerks begründete, lag da auf einmal ein doch recht respektabler Band vor uns, dessen Lektüre Zugang zu den besseren Kreisen versprach, die gewöhnlich bei den Humanisten verkehrten. Unter den Texten, die mir aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen in Erinnerung geblieben sind, befand sich ein Essay von Josef Pieper: Arbeit – Freizeit – Muße. Einen Satz habe ich sogar behal-ten: «Wir arbeiten, um etwas zu tun, das nicht Arbeit ist.» Der neue Deutschlehrer hatte während seines Studiums Pieper noch gehört, das erklärte vielleicht die Textwahl – nicht aber mein Interesse. Nun gilt für die schulische Verdauung von Texten allgemein: An-fangs ist alles Bibel, später Hekuba. Aber hier gab’s kein Hekuba, der Satz saß wie maßgeschneidert, und so blieb er Erinnerung wie Über-zeugung: Ja, warum sonst sollte man denn wohl arbeiten, also einem Zwang sich aussetzen wollen, wenn nicht, um etwas tun zu können, das diesen Zwang nicht kennt, was nach geläufiger Meinung so viel heißt wie frei zu sein! Arbeit als Mittel, deren Gegenteil leben zu können. Wenn ich recht erinnere, führte Pieper dann noch aus, dass Muße nicht mit Müßiggang verwechselt werden dürfe, Muße sei vielmehr so etwas wie ein Bei-sich-selbst-Sein, ein Tun um seiner selbst willen… Kürzlich fiel mir Piepers Text wieder in die Hand. Es handelt sich um die Ansprache zur Eröffnung der Kunstausstellung Arbeit, Freizeit, Muße während der Ruhrfestspiele von 1953. Die fünfziger Jahre! Sofort stellen sich die geklitterten Erinnerungscollagen ein: miefig, spießig, restaurativ, überall das Ewiggestrige usw. – alles richtig, na-türlich, nur eben nicht alles. Bei Pieper heißt es, dass der Verlust an Muße in den «totalitären Arbeitsstaat», die «totale Arbeitswelt» füh-re. Das müssten für die fünfziger Jahre dann doch irritierende Begrif-fe gewesen sein, als man sich einmal mehr der Arbeit als Volksthe-rapie verschrieben hatte. Inzwischen wären sie wohl irgendeines Sektierertums verdächtig und die Zurechtweisungen auf den Wirt-schaftsseiten kann man sich vorstellen. Die Frage liegt nahe, was Josef Pieper wohl zur heutigen Arbeitswelt eingefallen wäre! ‚Totalitä-rer Arbeitsstaat‘, das ist kein Begriff aus der Komfortzone, behauptet wird die Kontinuität eines womöglich einvernehmlichen Konsu-miertwerdens, das mit dem Reflexbegriff ‚Entfremdung‘ nur unzu-länglich bezeichnet wäre. Denn noch der angesagtesten Suche nach einer Work-Life- bzw. Life-Work-Balance oder einer Work-Life-Integration, wie immer sie im Einzelfall dann aussehen mag, stehen gegenüber mehr als zwei Milliarden Überstunden (2017), davon mehr als die Hälfte unbezahlt – auch eine Form des Sozialbetrugs. Dabei scheint es mit einer spezifisch deutschen Arbeitswut nicht weit her zu sein: «Aus Spaß an ihrer Tätigkeit blieben nur 15 Prozent länger, wegen des zusätzlichen Geldes lediglich 5 Prozent.» (FAZ v. 30.11.2018)