PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-transitional.dtd"> Zeno - Jahrheft für Literatur und Kritik - Aktuelles

Robert Caven

BUCH AUF BUCH II

AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN ALLGEMEINEN


Fußnoten bieten mitunter eine interessantere Lektüre als der Text oberhalb. In einer aktuellen soziologischen Zeitgeistanalyse des üblichen Aufsatzformats findet man Verweise auf folgende Titel: Das erschöpfte Selbst – Müdigkeitsgesellschaft – Das überforderte Subjekt – The Emotional Self – Das hybride Subjekt – Die Gesellschaft der Singularitäten – Das unternehmerische Selbst – Das metrische Wir – Der entgrenzte Mensch… Wie man sieht, ist auch die Stellung des Menschen im Text keine leichte. Da dem einleitenden „Vgl.“ regelmäßig eine weder durch Seitenangaben oder irgendeine Kommentierung beschwerte Titelangabe pur folgt, darf der Leser raten, was er hier warum womit vergleichen soll – auch dies eine inzwischen verbreitete Unsitte, die sich der Faulheit verdankt, Kenntnisse per ausgekipptem Zettelkasten zu simulieren, um so den Output nicht unnötig zu verzögern. Die Titel sind entnommen der 2020 bereits in 6. Auflage erschienenen Aufsatzsammlung von ANDREAS RECKWITZ: Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne (Suhrkamp 2019). Der Verfasser zählt seit seinem ersten und oben bereits genannten Bestseller Die Gesellschaft der Singularitäten (2017) zu den gefragten Stichwortgebern in den Smalltalk-Runden von Partei- und Kirchentagen. Und weil sich der dort erprobte Antagonismus von „Hyperkultur und Kulturessentialismus“ auf dem Meinungsmarkt so schön bewährt hat, wird er jetzt in aller Ausführlichkeit erneut bemüht. Der begrifflich schick getunte Antagonismus geistert z. Z. in verschiedenen Versionen durch Feuilletons wie Sachbücher der Soziologie-Sektion Ich-erklär-dir-die-Welt, so als Konflikt zwischen „Kosmopoliten und Konservativen“ prominent in CORNELIA KOPPETSCHs mittlerweile als plagiatdurchsäuert überführtem gleichfalls Bestseller Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter (transcript 2019). In beiden Fällen wird der vertraute Links-rechts-Gegensatz kombiniert mit dem Oben-unten-Schema bzw. dem gesellschaftlichen Schisma zwischen Globalisierungsgewinnern und -verlierern – sowie dem seit der Trump-Wahl von 2016 vertrauten Erklärungsmuster, wonach die Arroganz der linken Eliten nicht unerheblich die Gegenwehr der Abgehängten wie die eines von Abstiegsängsten verunsicherten Mittelstandes provoziert hätten. Wie solche Einfälle zu Büchern aufquellen können, bleibt das Geheimnis der Autoren.