PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-transitional.dtd"> Zeno - Jahrheft für Literatur und Kritik - Aktuelles

Robert Caven

Lagerkoller
Polemische Glossen

V

In ihrem Bericht über die Verleihung des Deutsch-Französischen Medienpreises an Jürgen Habermas (SZ v. 6.7.2018) wundert sich Cerstin Gammelin über „den Umstand, dass der Philosoph beharrlich schwieg, als 2015 die Flüchtlingswelle über Deutschland hereinbrach”, und dass er es bis heute unterlassen habe, „Angela Merkel für ihren humanistischen Ansatz damals zur Seite zu springen”. Abgesehen davon, dass die gewählte Metaphorik (Welle, hereinbrechen) wohl nicht politisch korrekt ist und der unserer Bundeskanzlerin attestierte „humanistische Ansatz” als ein „humaner” immer noch wohlwollend beurteilt wäre, zumal die Erkundung von Motiven schon für den Philosophen Kant ein Ding der Unmöglichkeit war – für Habermas‘ Schweigen lassen sich mindestens zwei Gründe anführen: Zum einen hat sich die Bundeskanzlerin bisher in gesellschaftspolitischen Debatten als konsequente/penetrante Diskursverweigerin gezeigt. Es widerspricht diesem politikferne Arglosigkeit verkörpernden Phänotyp, sich in Kontroversen zu verkämpfen. Zum anderen gerät die Theorie des vielfach Geehrten durch den Praxistest der Zuwanderung aus unterschiedlichen Kulturen (wodurch auch immer veranlasst) in nachvollziehbare Begründungsnot. In seiner rechtsphilosophischen Studie Faktizität und Geltung (1992) behauptet Habermas (S. 379), dass sich moderne Gesellschaften „mit positivem Recht, säkularisierter Politik und Vernunftmoral auf ein postkonventionelles Begründungsniveau umgestellt haben und ihren Mitgliedern eine reflexive Einstellung zu den jeweils eigenen kulturellen Überlieferungen zumuten”. Dazu ergänzt die Anmerkung 39: Unter diesen Bedingungen verlieren auch religiöse oder metaphysische Weltanschauungen ihren fundamentalistischen Charakter; sie müüssen sich ohne Preisgabe ihres Wahrheitsanspruchs auf die fallibilistischen Voraussetzungen des säkularisierten Denkens insofern einlassen, als sie den Umstand reflektieren, daß sie mit anderen Weltdeutungen innerhalb desselben Universums von Geltungsansprüchen konkurrieren. Was aber, wenn zugewanderte Kollektive, aus welchen Gründen auch immer, nicht fähig oder willens sind, solche Reflexionsformen – die im Übrigen mitnichten inhaltlich neutral sind und auch gar nicht sein köönnen – als auch für sie verbindlich anzuerkennen? Und umgekehrt: Kann die Diskurstheorie eine Form der Zuwanderung wollen, die mit einer Gefäährdung der Diskursbedingungen einhergeht? Der in diesem Zusammenhang reflexhaft erfolgende Verweis auf das Grundgesetz unterschätzt ahnungslos die lebensweltlichen Folgen kultureller Differenz.